
Am Dienstag habe ich mich mit Lazar Spasić getroffen und mit ihm unter anderem über seine Anfangszeit in Oldenburg unterhalten. Anschließend sprachen wir über seinen Coaching-Stil und darüber, was ihn als Trainer in Offensive und Defensive ausmacht. Außerdem haben wir über den Trainerwechsel und die daraus resultierenden Veränderungen in Offensive und Defensive gesprochen und welche Bedeutung das zum Beispiel für Clemons hat. Zum Abschluss ging es noch kurz um das TOP FOUR Finale und darum, wie er und sein Team sich auf das Spiel gegen Berlin vorbereiten.
Frage: Du bist jetzt schon einige Zeit in Oldenburg. Hast du in dieser Zeit schon einmal Grünkohl probiert?
Spasić: Grünkohl? Da habe bisher noch nicht von gehört. Was ist das?
Grünkohl ist ein Gemüse, welches hier in Oldenburg eine große Tradition hat.
[Lazar Spasić googelt in diesem Moment]
Spasić: Ah, das, was Tuck [Dakarai Tucker] letztens probiert hat. Gemüse mag ich nicht so gerne und nein, das habe ich bisher nicht probiert.
[Zur Info: Auf der Instagram-Seite der EWE Baskets Oldenburg gibt es ein Video, in dem Dakarai Tucker Grünkohl probiert.]
Frage: Lass uns jetzt zum Saisonbeginn übergehen. Wie war deine Rolle als Assistant Coach unter Predrag Krunić?
Spasić: Das ist eine schwierige Frage. Ich habe meinen Vertrag zwei bis drei Wochen unterschrieben, bevor Predrag hier unterschrieben hat. Als das passiert ist, war ich glücklich. Mein Hauptgrund, nach Oldenburg zu kommen, war es, auf diesem Level zu lernen und Erfahrung zu sammeln, weil ich vorher nicht wusste, wie Basketball auf diesem Niveau wirklich funktioniert.
Ich bin mit der Erwartung gekommen, hart zu arbeiten, mein Wissen zu erweitern und mich an das System anzupassen. Wichtig war für mich auch, dass ich gemeinsam mit meiner Familie hierherkommen kann. Als mir Srdjan [Klarić] die Idee und die langfristige Perspektive erklärt hat, war mir klar, dass das der richtige Schritt ist. Mein Ziel war immer, den ersten Schritt außerhalb Serbiens in einer bedeutenden europäischen Liga zu machen und Deutschland war mein Wunschziel.
Ich habe versucht, jeden Tag zu lernen. Ich habe viel darüber gelernt, wie Predrag mit Spielern kommuniziert, und konnte mein eigenes Verständnis weiterentwickeln. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis. Er hat mich respektiert und mir besonders am Anfang sehr geholfen. Am Ende muss ich sagen, dass ich als Assistant Coach gearbeitet habe und die finalen Entscheidungen Predrag getroffen hat.

Frage: Rund zwei Monate nach Saisonbeginn fiel die Entscheidung, dass Krunić nicht mehr Trainer ist und du die Rolle des Headcoaches übernimmst. Wie hast du diesen Moment erlebt?
Spasić: Als Erstes möchte ich sagen, dass ich mich selbst sehr gut kenne. Ich bin weder ein pessimistischer noch ein optimistischer Mensch, ich bin Realist.
Ich wusste bereits bevor ich nach Deutschland gekommen bin, dass ich erfolgreich als Coach arbeiten kann. Als dann die Entscheidung vom Klub kam, dass Predrag nicht mehr Headcoach ist, habe ich ehrlich gesagt nicht damit gerechnet. Das war ein Schock für mich. In dem Moment, als ich die Information bekommen habe, dass ich Headcoach werde, war ich aber bereit. Ich wusste genau, wie ich arbeiten möchte, was ich verändern kann und auf welche Art wir Basketball spielen müssen.
Das Einzige, was für mich offen war, war die Frage, wie oft ich die Prinzipien vermitteln muss und wie die Spieler diese annehmen würden.
Frage: Wie sehr warst du eingebunden bei der Auswahl der Spieler am Anfang der Saison?
Spasić: Wir als Coaching-Staff haben gescoutet und ich wusste sehr genau, welche Spieler wir verpflichten werden, aber es waren nicht meine Entscheidungen. Diese kamen von Predrag. Meiner Meinung nach hat Srdjan einen großartigen Job gemacht, alle Spieler von Oldenburg zu überzeugen, obwohl wir nicht europäisch spielen. Wir haben ein gutes Team zusammengestellt.
Frage: Wie würdest du deinen Basketballstil beschreiben?
Spasić: Ich baue meinen Basketball grundsätzlich aus der Verteidigung heraus auf. Die Offensive hängt auch davon ab, gegen wen wir spielen und wie der Gegner verteidigt, daran müssen wir uns anpassen. Die Defensive hingegen hängt nur von uns selbst ab. Das sind die Dinge, die wir kontrollieren können, und genau darauf liegt mein Fokus.
Von der Defensive aus können wir das Spiel kontrollieren. Würfe können auch mal nicht fallen, das gehört dazu, aber Einsatz, Energie und defensive Disziplin liegen immer in unserer Hand. Unser Selbstvertrauen soll aus der Verteidigung kommen und nicht aus der Offensive. Wenn wir mutig verteidigen und daraus spielen, können wir ein ernstzunehmendes Team sein.
Wir haben großes offensives Potenzial, das haben wir bereits gezeigt. Wenn wir aber nur von der Offensive abhängig sind, bleiben wir ein durchschnittliches Team. Erst über eine physische und stabile Defensive können wir unser volles Potenzial erreichen. Wie weit das reicht, hängt von vielen Faktoren ab, etwa von Verletzungen oder der Qualität der Gegner. Die Liga ist extrem ausgeglichen, genau das macht sie so interessant.
Für mich ist die deutsche Liga, die Liga der Top-Ligen in Europa mit dem größten Einfluss der Coaches. Viele internationale Trainer, starke Systeme und klare Identitäten machen die BBL aus.
Wenn ich meine eigene DNA beschreiben soll, dann beginnt alles mit der Defensive. Das ist der Kern. In meiner Karriere habe ich bereits Titel gewonnen, und auch dort war die Defensive die Basis für alles Weitere. Offensive ist für mich ein Zusatz, der auf einer starken Verteidigung aufbaut.
Ich bin jetzt in meiner neunten Saison als Headcoach, fünf davon in der ersten und drei in der zweiten Liga in Serbien. Ich habe beide Ligen gewonnen und bin nicht hierhergekommen, um nur zu überleben. Ich bin hier, um etwas zu gewinnen.

Frage: Wie schwer war es für dich, deine Basketball-DNA in ein Team zu integrieren, dessen Spieler du nicht selbst ausgewählt hast?
Spasić: Es war nicht schwer. Für mich war es sogar schwieriger, in Serbien zu arbeiten. Hier kann ich mich voll auf Basketball konzentrieren. Wenn die Spieler von meinem System profitieren und erkennen, dass es Sinn macht, lässt sich vieles leicht umsetzen. Dann kann man sich auf die Details konzentrieren, und diese kleinen Dinge machen oft den Unterschied zwischen durchschnittlichen und Spitzenmannschaften aus.
Frage: Wenn wir uns die Defensiv-Ratings der Spieler nach fünf Spielen (Der Trainerwechsel in Zahlen) und nach neun Spielen (Artikel über 10 Spiele unter Spasić erscheint am Montag) anschauen, sieht man, dass sich alle verbessert haben, besonders Brian Fobbs, Nicho Tischler und Chris Clemons. Das ist kein kurzer Effekt durch den Trainerwechsel, sondern ein klarer Trend. Unter Krunić habt ihr noch viel gehedged, jetzt verteidigt ihr flach und switcht mehr. Meine Frage ist, ob diese Art zu verteidigen dein Basketballstil ist oder ob du die Verteidigung an die Spieler angepasst hast?
Spasić: Diese Spielweise ist auf jeden Fall meine DNA. Von Anfang an habe ich den Spielern erklärt, warum es Sinn macht. Bei einer Hedge-Verteidigung ist der Weg zurück zum Korb oft zu lang. In einer flachen Verteidigung kann man die Defensive und Offensive besser verteilen. Beim Hedgen versucht man oft, direkt den Pass zu erzwingen, was aber zu offenen Würfen führen kann.
Ich bevorzuge High-Bump, mehr Rotation und Aggressivität am Ball. Wir brauchen den Einfluss des Centers am Ball. In einer flachen Verteidigung profitiert der eigene Bigman, er wird besser geschützt und muss nicht so weite Wege laufen.
Frage: Wenn wir zur Offensive kommen, zeigt sich hier ebenfalls ein klarer Trend und nicht nur ein kurzfristiger Effekt. Bei der Offensive sprechen viele über das Ballmovement, aber mir ist aufgefallen, dass ihr vermehrt in Post-up-Situationen geht. Zum Beispiel ist der erste Spielzug oft Nicho Tischler im Low-Post.
Spasić: Tatsächlich sind die ersten beiden Spielzüge Post-up-Situationen. Nummer eins ist Nicho und Nummer zwei Tomislav [Zubčić], beides sind zwei Spieler aus der Starting Five. Wir haben mit Filip, Seth und Brian aber noch andere Spieler, die aus dem Post spielen können.
Frage: Post-up war lange sehr wichtig, wurde in den letzten Jahren aber kaum noch gespielt. Wie kam dir die Idee, das Post-up-Spiel wieder zu integrieren?
Spasić: Wie ich schon gesagt habe, habe ich meine Idee in Offensive und Defensive aus den letzten Jahren kaum verändert. Aus diesen Situationen habe ich viel gelernt, zum Beispiel Flat Defense oder Post-Offense. Basketball ist in vielen Bereichen Mathematik. Aus welcher Situation erzielt man die besten Dreierquoten?
Weiß ich nicht.
Spasić: Nach Offensiv-Rebounds und dem Pass nach außen oder aus dem Low-Post entstehen diese Dreierquoten. Wenn ein Team im Low-Post spielt, konzentriert sich die Verteidigung stark auf den Ball. Der Verteidiger kann nicht kontrollieren, was hinter ihm passiert. Fokussiert sich die Verteidigung nicht auf die Zone, bleibt dort viel Raum, den man nutzen kann.
Wir wollen keine Fadeaway-Würfe aus dem Post. Bei einem Fadeaway ist man oft aus dem Gleichgewicht und hat weniger Kontrolle über den eigenen Körper. Dadurch wird es schwieriger, den Offensiv-Rebound zu sichern. Außerdem leidet die Transition-Defense, wenn der Wurf nicht fällt.

Frage: Ein weiterer Blick auf die Statistiken bringt mich zu einer Frage über Clemons. Er erzielt unter dir leicht weniger Punkte als in den ersten neun Spielen. Auch seine Assists bleiben gleich, seine Usage-Rate ist nur leicht von 29,5 auf 25,5 Prozent gesunken, und sein True Shooting hat sich von 58,2 auf 63,6 Prozent leicht verbessert. Schaut man jedoch auf sein Offensiv-Rating, dann ist dort ein großer Sprung von 108,7 auf 123,4 zu sehen. Wie lässt sich das erklären?
Spasić: Wenn Teams und Spieler vorankommen wollen, müssen sie Spiele gewinnen. Spiele gewinnt man, in dem man bessere Defensive spielt und den Ball offensiv bewegt und manchmal müssen Spieler dafür Opfer bringen.
Chris ist ein großartiger Spieler, der alles macht, um mit seiner Mannschaft zu gewinnen und der Verantwortung übernimmt. Am Anfang hat das manchmal dazu geführt, dass er zu schnelle Würfe genommen hat.
Man muss auch sagen, dass Chris in einer spezifischen Situation zu uns gekommen ist. In den zwei Jahren zuvor wurde Chris als Shooting Guard genutzt. Er wollte dem Team immer helfen, aber wusste den richtigen Weg nicht. Chris braucht klare Regeln, wie wir spielen wollen und er respektiert diese.
Ich habe ihm verschiedene Optionen gezeigt und er hat diese angenommen. Jetzt bewegen wir den Ball mehr, involvieren mehr Spieler in die Offensive und Spieler, die in der Offensive glücklich sind, spielen bessere Defensive.
Schaut man auf die Statistiken, hat sich die Zahl der Assists von Chris vielleicht nicht erhöht, aber oft kreiert Chris Situationen, die zum Extrapass führen und gibt damit den Assist zum Assist.

Frage: Ein weiteres Thema, das ich behandeln möchte, ist das TOP FOUR Finale in München. Am Anfang hast du gesagt, dass du hierhergekommen bist, um Titel zu gewinnen. Wie bereitet ihr euch auf das wichtige Halbfinale gegen Berlin in so kurzer Zeit vor, zumal ihr am Mittwoch davor noch gegen Ulm spielt?
Spasić: Wir konzentrieren uns nur auf uns selbst. Wir müssen uns auf die Basics konzentrieren und uns darüber im Klaren sein. Wenn wir die Dinge gut machen, die wir gut können, haben wir gegen jedes Team eine Chance auf den Sieg. Unser Fokus liegt nur auf uns. Nicht auf Alba, nicht auf Ulm und nicht auf Ludwigsburg.

Frage: Wenn du mit dem Team schon im August in die Vorbereitung gegangen wärst, hättet ihr euch trotzdem in dieser Phase der Saison nur auf euch konzentriert oder wäre da mehr Gegner-Vorbereitung dabei gewesen?
Spasić: Wir würden uns trotzdem hauptsächlich auf uns selbst konzentrieren, etwa 80 Prozent auf uns und 20 Prozent auf das gegnerische Team. Ich versuche, mein Team auf jede Situation vorzubereiten. Wenn der Gegner langsam spielt, haben wir eine Antwort, wenn er schnell spielt, haben wir eine Antwort. Ist der Gegner in einer Zonenverteidigung, können wir reagieren. Deshalb versuche ich im Training immer, mich auf eine Sache zu fokussieren und dafür ein Tool zu entwickeln. Zum Beispiel hatten wir gegen den MBC Probleme mit deren Zonenverteidigung, weil wir vorher noch keine Zeit hatten, uns darauf vorzubereiten.
Frage: Das macht meine letzten Fragen jetzt hinfällig. Ich habe mir für das Berlin-Spiel aufgeschrieben, wie ihr mit dem starken Druck ab der Baseline umgehen wollt, wie ihr Justin Bean und Jack Kayil verteidigen wollt und wie ihr mit der Hedge-Verteidigung umgehen wollt?
Spasić: In unserem System haben wir auf alles eine Antwort. Wir arbeiten jeden Tag hart. Wir wissen, wie wir gegen eine Drop-Defense spielen, gegen eine Hedge-Defense oder gegen eine Switch-Defense.

Statistik-Quelle: 3stepsbaskets.com