Foto: EWE Baskets Oldenburg

Ich habe mich am Anfang der Vorbereitung mit Zach Ensminger getroffen, um unteranderem über seine letzte Saison zu sprechen. Dabei ging es unter anderem um die Rollenverteilung im Team und die Bedeutung klarer Rollen. Anschließend haben wir darüber gesprochen, was ihm bei der Suche nach einem neuen Verein wichtig ist und wie er seine Entscheidung für Oldenburg getroffen hat. Zum Abschluss ging es um die aktuelle Vorbereitung und taktische Themen wie das Pick-and-Roll und Post-up-Spiel.

Frage: Wie blickst du auf die letzte Saison zurück?

Ensminger: Ja, die Saison war sehr ereignisreich und vor allem positiv. Als ich nach Bamberg gegangen bin, hatte ich ehrlich gesagt nicht erwartet, dass wir als Team so erfolgreich sein würden. Ich kannte Anton [Gavel] und Bamberg und wollte einfach wieder in der BBL Fuß fassen und den nächsten Schritt machen. Aber die Chemie im Team hat von Anfang an gestimmt – sowohl menschlich als auch bei den Rollen und Charakteren. Deswegen, ja, das war eine sehr, sehr schöne Saison und sehr viele schöne Erinnerungen. War eine geile Saison einfach.

Frage: Du hast die Rollenverteilung schon angesprochen. Wie war die bei euch im Team, und wie wichtig sind dir grundsätzlich klare Rollen?

Ensminger: Die Rollenverteilung war bei uns sehr klar. Wir hatten zwölf Spieler im Kader und viele Spieler, die mehrere Positionen spielen konnten. Dadurch konnten wir viele verschiedene Line-ups aufs Feld bringen.

Gleichzeitig wusste jeder, dass er seine Chance bekommen würde, dem Team zu helfen. Anton hat das sehr gut gemacht. Dadurch hatte jeder Selbstvertrauen und wusste, was von ihm erwartet wird – auch wenn niemand wusste, ob er heute 28 Minuten spielt oder vielleicht weniger.

Bei mir war zum Beispiel klar, dass ich manchmal auf der Eins aushelfen musste. Wir hatten viele gute Scorer, deshalb wollte ich sie mit Struktur und guten Pässen in Szene setzen. Gleichzeitig musste ich auf der Zwei auch selbst aggressiv sein und meinen Wurf nehmen oder als zusätzlicher Ballhandler für andere Plays sorgen.

Ich glaube, dass jeder seine Rolle kennt und weiß, was er zum Teamerfolg beitragen soll, ist enorm wichtig.

Frage: Dann kommen wir zur aktuellen Saison. Wenn du nach einem neuen Verein suchst, was ist dir dabei besonders wichtig?

Ensminger: In den letzten Jahren habe ich immer geschaut, was der nächste logische Schritt für meine Entwicklung sein könnte. Nach der Pro B wollte ich zunächst mehr Spielpraxis sammeln und bin deshalb nach Quakenbrück gegangen, wo ich mit 19 Jahren als Starter eingeplant war. Danach war für mich der nächste Schritt die BBL mit Bonn.

Dort hatte ich zwar weniger Spielzeit, konnte aber viel lernen. Anschließend wollte ich wieder mehr spielen und bin nach Göttingen gegangen. Grundsätzlich habe ich immer versucht, die Schritte zu gehen, die für meine Entwicklung sinnvoll waren – sowohl sportlich als auch mit Blick auf das Potenzial des Vereins.

Nach der vergangenen Saison war Oldenburg für mich deshalb eine sehr gute Option. Der Verein hat viel Potenzial und die Möglichkeit, wieder erfolgreichen Basketball zu spielen und langfristig etwas aufzubauen.

Frage: Und wie läuft so ein Gespräch dann ab? Du hast ja gesagt, du magst, dass es eine klare Rollenverteilung gibt. Wird dir dabei auch schon eine bestimmte Rolle im Team aufgezeigt? Geht es da auch um Minuten?

Ensminger: Versprochen wird natürlich nichts. Ein Trainer kann dir im Sommer nicht garantieren, wie viele Minuten du spielen wirst. Er weiß schließlich selbst noch nicht genau, wie sich die Mannschaft entwickelt. Wichtig ist mir aber, eine klare Vorstellung von meiner Rolle zu bekommen. Ich möchte merken, dass der Trainer mich kennt, Spiele von mir gesehen hat und ungefähr weiß, wie er mich einsetzen möchte – gerade weil ich mehrere Positionen spielen kann.

Genauso wichtig ist es für mich, den Coach als Person kennenzulernen und ein Gefühl dafür zu bekommen, wie er Basketball spielen lassen möchte.

Frage: Jetzt bist du hier und die Vorbereitung hat begonnen. Wie läuft so eine Vorbereitung normalerweise ab?

Ensminger: Soll ich mit der Anreise anfangen?

Aussage: Ja, gerne

Ensminger: Im Sommer hält man sich natürlich fit, macht Pause und arbeitet individuell an sich. Dann kommt die Anreise. In den ersten Tagen stehen meist Medizin-Checks, erste Gespräche und das Kennenlernen der Mitspieler an, oft auch bei einem gemeinsamen Teamessen oder -Event.

Danach startet man relativ entspannt ins Training, zunächst ohne viel Kontakt. In den ersten Einheiten geht es vor allem um Basics: Wie bewegen wir uns mit und ohne Ball und welche Grundlagen wollen wir als Team etablieren?

Am Anfang geht es vor allem darum, die Offensiv- und Defensivkonzepte kennenzulernen, die Mitspieler und die Coaches kennenzulernen und sich als Team einzuspielen. Man beginnt mit einfachen Dingen wie Eins-gegen-Eins- und Zwei-gegen-Zwei-Defense. Die Grundlagen, die man im Non-Contact-Training erarbeitet, werden dann Schritt für Schritt ins Kontakttraining übertragen. Offensiv startet man häufig mit Transition, fügt danach erste Plays hinzu und baut das System nach und nach weiter aus.

Frage: Mit wie vielen Spielzügen startet man normalerweise?

Ensminger: Eher mit weniger. Man wirft nicht direkt 20 Spielzüge ins Training. Stattdessen baut man die Systeme Schritt für Schritt auf. Defensiv geht es zunächst um die Grundlagen: Wie stehe ich in der Help Side, wie verteidige ich im Deny oder am Ball und wie verteidigen wir den Ball Screen? Dazu kommen weitere Informationen, die gerade für neue Spieler erst einmal verarbeitet werden müssen. Mit acht neuen Spielern ist es besonders spannend zu sehen, wie schnell sich alle an die neuen Konzepte gewöhnen. Die ersten Wochen sind deshalb sehr intensiv, aber auch eine wichtige Zeit, um als Team zusammenzuwachsen.

Mit dem ersten Spiel verändert sich dann noch einmal einiges. Fünf-gegen-Fünf im Training ist etwas anderes als ein echtes Spiel über viermal zehn Minuten gegen einen anderen Gegner. Die Vorbereitung ist deshalb nicht nur sportlich wichtig, sondern auch für die Teamchemie. Man verbringt schließlich acht, neun oder zehn Monate miteinander und muss als Mannschaft funktionieren.

Frage: Du hast gerade die Teamchemie angesprochen. Das bringt mich zum Pick-and-Roll, das im Basketball über die Jahre immer wichtiger geworden ist. Gerade als Guard spielt man dabei eine große Rolle. Wie sehr ist das Pick-and-Roll mittlerweile in deinem Spiel verankert und die Verbindung zum Center?

Ensminger: Ja, auf jeden Fall. Im modernen Basketball ist das Pick-and-Roll ein zentraler Bestandteil fast jeder Offense. Viele Aktionen entstehen aus Ball Screens. In Bonn zum Beispiel, da hab ich mit TJ Shorts sehr viele Pick-and-Rolls gespielt.

Dabei geht es aber nicht nur um die Verbindung zwischen dem Ballhandler und dem Big Man. Auch die drei anderen Spieler sind wichtig. Sie müssen erkennen, wie die Defense das Pick-and-Roll verteidigt, und entsprechend reagieren. Gegen eine Hedge Defense müssen sie zum Beispiel Passwege öffnen, gegen eine Flat Defense kann sich ein Spieler entsprechend nach hinten bewegen.

Ich hatte viele Trainer, die großen Wert darauf gelegt haben, dass die Spieler abseits des Ball Screens das Feld richtig breit machen und die Defense lesen. So entsteht letztlich ein Zwei-gegen-Zwei, bei dem die anderen drei Spieler durch ihr Spacing trotzdem eine wichtige Rolle spielen.

Frage: Magst du das Spacing mal erklären?

Ensminger: Beim Ball Screen geht es oft darum, dass die drei anderen Spieler für gutes Spacing sorgen und den beiden Spielern im Pick-and-Roll Raum geben. Wenn der Ballhandler und der Big Man auf einer Seite agieren, bleiben die anderen drei zunächst aus dem Weg und halten ihre Positionen.

So kann zum Beispiel ein langsamer Big Man des Gegners gezielt attackiert werden. Gleichzeitig nimmt man die anderen drei Verteidiger weitgehend aus der Aktion und schafft eine Zwei-gegen-Zwei-Situation mit viel Platz, statt auf engem Raum ein Fünf-gegen-Fünf zu spielen.

Aber es hat auch viel mit Cutten zu tun, zum Beispiel bei einem Middle Drive gegen eine Flat Defense. Die Verbindung zwischen den Spielern ist dabei sehr wichtig. Im Training arbeiten wir deshalb sehr viel am Ball Screen – wie bereitet man ihn vor, wie bewegt man sich ohne Ball und wie reagieren die anderen drei Spieler?

Als Guard musst du vor allem die Defense lesen: Wie steht sie? Kommt der Big heraus? Darf ich weiter dribbeln oder muss ich schnell passen, um eine Überzahlsituation zu schaffen?

Letztlich geht es beim Pick-and-Roll vor allem darum, eine Überzahlsituation zu kreieren und die Defense dadurch vor eine Entscheidung zu stellen.

Foto: Ulf Duda / fotoduda.de

Frage: Wie schwierig ist es für dich als Guard, die Defense in einer solchen Situation zu lesen?

Ensminger: Mit dem Scouting weißt du in der Saison meistens schon, wie ein Team das Pick-and-Roll verteidigt – ob es zum Beispiel Hard Hedge oder Drop Defense spielt. Natürlich können Teams ihre Defense gegen bestimmte Spieler oder im Laufe eines Spiels anpassen.

Dann musst du wissen, wie du die jeweilige Defense attackierst. Gegen eine Hard Hedge kann es zum Beispiel darum gehen, schnell zu dribbeln, direkt zu passen oder gar nicht erst weiter zu dribbeln. Du willst den Fünfer aus seiner Position ziehen und dadurch eine Überzahlsituation schaffen – entweder auf dem Flügel oder über den Short Roll des Bigs.

Am Ende ist dabei aber auch viel Intuition gefragt. Manchmal wollen Teams eine bestimmte Defense spielen, bekommen sie aber nicht perfekt umgesetzt. Dann musst du die Situation einfach lesen und entsprechend reagieren.

Frage: Geht am Ende also vieles über Read and React?

Ensminger: Ja, auf jeden Fall. Vieles läuft über Read and React. Die Dinge, die man im Training immer wieder übt, sollen im Spiel irgendwann automatisch passieren. Das ist wichtig, weil man während eines Spiels ohnehin über viele Dinge nachdenken muss.

Deshalb müssen bestimmte Bewegungen einfach sitzen – zum Beispiel, dass der Flügelspieler gegen eine Hard Hedge hochkommt und damit eine Anspielstation schafft, sodass du den Ball schnell weitergeben kannst.

Frage: Das heißt, ihr trainiert diese Connection im Prinzip Schritt für Schritt: zunächst im Zwei-gegen-Zwei im Pick-and-Roll und später dann im Fünf-gegen-Fünf?

Ensminger: Auch viel Drei-gegen-Null. Wir bauen die Situationen Schritt für Schritt auf: Zwei-gegen-Null, Drei-gegen-Null, Vier-gegen-Null, Fünf-gegen-Null und danach Zwei-gegen-Zwei bis hin zu Fünf-gegen-Fünf.

Dann spielen wir zum Beispiel bestimmte Ball-Screen-Situationen gegen eine Hard Hedge und trainieren direkt die passende Reaktion. Ziel ist es, diese Situationen so oft zu wiederholen, dass sie im Spiel automatisch ablaufen.

Wenn du den Ball bekommst und erst stehen bleibst, um darüber nachzudenken, ist der Vorteil der Situation meistens schon weg. Deshalb müssen diese Bewegungen und Entscheidungen sitzen.

Frage: Letzte Saison gab es mit den EWE Baskets Oldenburg und dem FC Bayern München Basketball zwei Teams, die wieder häufiger Post-ups gespielt haben. Trainiert ihr das bei euch auch?
Ensminger: Bisher haben wir relativ viel Defense und Ball-Screen-Offense trainiert, aber ich denke, dass wir auch Post-up spielen werden. Wir haben einige Spieler, die im Low Post agieren können – zum Beispiel Nicho [Tischler], Demajeo [Wiggins] oder Marcel [Keßen]. Auch Seth [Hinrichs] ist sehr clever und kann kleinere Verteidiger im Post gut attackieren.

Frage: Wir haben ja schon darüber gesprochen, dass das Pick-and-Roll immer wichtiger wird. Entstehen solche Post-up-Situationen auch häufig aus dem Pick-and-Roll?

Ensminger: Wenn du nach einem Pick-and-Roll einen Switch bekommst, kann der Big Man seinen kleineren Gegenspieler im Post attackieren oder ihn für einen Pass in den Post versiegeln. Deshalb steckt in vielen unserer Aktionen ein Pick-and-Roll.

Fast jedes Set Play startet oder endet letztlich in einem Pick-and-Roll. Dazu kommen einige Off-Screen-Aktionen, die ebenfalls häufig in einem Pick-and-Roll oder Post-up enden.

Im Vergleich zu früher hat sich das deutlich verändert. Vor 30 Jahren wurde wesentlich häufiger im Post gespielt, während das Pick-and-Roll heute einen viel größeren Teil der Offense ausmacht.

Aussage: Jetzt sind wir ein bisschen abgedriftet.

Ensminger: Ja, alles gut.

Frage: Wie lange dauert es ungefähr, bis du als Guard eine wirklich gute Verbindung mit deinem Center entwickelst – also zum Beispiel beim Timing des Screens oder beim richtigen Moment für den Roll?

Ensminger: Ich kenne unsere beiden Center schon, aber natürlich muss man sich trotzdem erst aneinander gewöhnen. Man schaut, wie der andere die Screens stellt, ob er eher slipt oder den Screen länger hält und in welchem Winkel er ihn stellt.

Auch beim Roll ist das Timing unterschiedlich. Manche Center rollen sehr schnell ab, andere bleiben kurz stehen. Darauf musst du dich als Guard einstellen. Vieles davon passiert irgendwann intuitiv, ohne dass du bewusst darüber nachdenkst.

Ich würde sagen, nach ein bis zwei Wochen entwickelt sich schon ein gutes Grundverständnis. Aber diese Connection wächst über die gesamte Saison. Am Ende weißt du genau, wie sich dein Mitspieler bewegt und wo er auf dem Feld sein wird.

Aussage: Damit sind wir auch schon am Ende. Vielen Dank für das spannende Interview!

Posted in